Sensibilisierung

Sensibilisierung

Zwei Personen reichen sich die Hand (Ausschnitt)Ein Studium führt immer wieder zu Begegnungen mit neuen Menschen. Viele dieser Menschen sind unerfahren im Umgang mit Studierenden mit Behinderung und wissen nicht, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten sollen. Um diese Unsicherheiten abzubauen, ist es notwendig, bezüglich der Behinderung zu sensibilisieren. Dabei ist es hilfreich, nicht nur das Verhalten der Anderen zu ändern, sondern auch die eigenen Erwartungen zu hinterfragen.

Ziele der Sensibilisierung

Ziel der Sensibilisierung ist es, Unwissen über die Behinderung abzubauen, aufzuklären und ein Bewusstsein zu schaffen. Gerade wenn eine Behinderung nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist, ist die Sensibilisierung wichtig, um Barrieren abzubauen und ein funktionierendes Miteinander sicherzustellen.
Im Studium ist die Sensibilisierung wichtig für den reibungslosen Studienalltag. Ob beim Austausch mit anderen Studierenden oder Lehrkräften, bei Gruppenarbeiten, in Vortragssituationen oder bei der Beschaffung von Lernmaterial und dem Umgang damit - immer gibt es besondere Anforderungen. Dabei ist es egal, ob es sich um Situationen handelt, in denen Studienassistenten [Artikellink zum Thema „Arbeitsassistenz" wird ergänzt] mitarbeiten oder nicht: sensibilisierte Mitmenschen machen den Studienalltag leichter.
Spezielle Tipps zur Sensibilisierung Ihrer Professorinnen, Professoren und weiterer Lehrkräfte haben wir hier [Artikellink zum Thema „Sensibilisierung von Lehrkräften" wird ergänzt] für Sie zusammengestellt.

Aufklären über eine Sehbehinderung oder Blindheit

Sowohl Sehende als auch Sehgeschädigte unterliegen Fehleinschätzungen durch Unwissenheit und mangelnde Erfahrung: Die Wenigsten machen sich Gedanken, warum man mit einer Sehbehinderung oder Blindheit manchmal anders reagiert als Sehende. Und oft ist auch die Welt der Sehenden für Sehgeschädigte unverständlich.
Sind Sie blind oder sehbehindert? Für Ihre Mitmenschen sind in beiden Fällen unterschiedliche Informationen bei der Aufklärung über die eigene Behinderung notwendig, damit Verständnis entstehen kann.

Sehbehinderung

Menschen ohne eine gravierende Sehbehinderung haben oft die Vorstellung, dass man mit Hilfe einer Brille Sehprobleme beheben kann, oder dass Menschen mit Sehbehinderung genauso sehen wie Menschen, die normalerweise eine Brille brauchen, diese aber nicht verwenden.
Wenn Sie offen mit Ihrer Behinderung umgehen und dem Sehenden den Unterschied zwischen schlechtem Sehen und Sehbehinderung vermitteln können, können Missverständnisse ausgeräumt werden. Beispielsweise könnten Sie beschreiben, was Sie wann sehen können und was nicht. Beschreiben Sie,

  • ob Sie auf der Straße Menschen erkennen können oder nicht,
  • ob Sie bei Dunkelheit oder in einem abgedunkelten Raum mit einem Stock gehen müssen, ob Sie aber vielleicht bei normalen Lichtverhältnissen Texte lesen können,
  • ob Sie den Gesichtsausdruck bzw. die Mimik eines Anderen nicht oder nur schlecht erkennen können - auch wenn Sie direkt vor einer Person stehen,
  • ob ein Zulächeln oder Zunicken für Sie nicht erkennbar ist,
  • ob Sie bei Vorlesungen das an die Tafel Geschriebene nicht lesen können und daher froh um einen Mitschrieb wären,
  • oder ob Sie mehr Zeit benötigen, um eine Grafik zu erkennen.

Wenn Sie gleich zu Beginn des Studiums die Besonderheiten Ihrer Seheinschränkung erklären und erläutern, in welchen Fällen Sie Hilfe benötigen würden, können Sie eher mit dem Verständnis Ihrer Umgebung rechnen.

Blindheit

Menschen mit Blindheit sind für ihre Mitmenschen einfach zu erkennen, da sie sich mit einem Langstock oder mit Hilfe eines Blindenhundes orientieren. Normal Sehende stellen sich Blindheit meist so vor, als ob sich der Betroffene bei absoluter Dunkelheit bewegt und alles schwarz ist. Dass manche Blinde aber noch hell und dunkel wahrnehmen können, wird mit "blind sein" meist nicht verbunden.
Wie der Alltag von Menschen mit Blindheit aussieht, ist für viele ein großes Rätsel. Oft sind normal sehende Menschen neugierig, mehr darüber zu erfahren, aber sie trauen sich nicht zu fragen oder drücken sich unbeholfen aus. Beispielsweise sind sie unsicher, ob sie Sprachbilder, die mit Vokabular rund um das Sehen verbunden sind (wie zum Beispiel „Schauen wir uns das doch einmal näher an..."), im Gespräch mit blinden Menschen verwendet dürfen oder ob dies als Diskriminierung aufgefasst werden kann. Daher wirken Kontaktaufnahmen manchmal unbeholfen oder werden ganz unterlassen.
In einem ersten Gespräch können die Nutzung von technischen Hilfsmitteln, der Gebrauch eines Langstocks oder das Umgehen mit einem Blindenhund Thema sein. Erklären Sie bereitwilligen Personen, wie Sie deren Hilfe in Anspruch nehmen können und wollen: Wenn Sie beispielsweise den Ellenbogen eines Sehenden ergreifen, um geführt zu werden, müssen Sie der Person erklären, dass Sie durch diese Art der Führung erkennen, ob Hindernisse, Treppen, Wegunebenheiten auftauchen, da die Person, etwas vor Ihnen geht und Sie diese Hindernisse dann erahnen können. Es gibt auch Broschüren oder Flyer mit konkreten Tipps für sehende Personen.
Oft fühlen sich Sehende verpflichtet, zu helfen. Versuchen Sie ein Gespräch so zu gestalten, dass sich Sehende auch trauen, Ihre Bitte abzulehnen. Wenn Sie jedoch dringend Hilfe benötigen, dann können Sie auch die sehende Person bitten, bei der Suche nach einer anderen Person zu helfen, die „einspringt".

Späterblindung oder Blindheit von Geburt

Es ist sicher sinnvoll, wenn Sie Ihrem Gegenüber auch vermitteln, dass ein Unterschied besteht zwischen Menschen, die erst im Laufe ihres Lebens erblinden oder von Geburt an blind sind. Für Menschen, die spät erblinden, können „visuelle" Themen wie das Aussehen einer Person, Farben oder ähnliches eine wichtige Rolle spielen. Da blinde Menschen ihre Mitmenschen unter anderem an der Stimme erkennen, sind Stimmmerkmale häufig für sie wichtiger als für normale Sehende. Geräusche lassen die Umgebung plastisch werden.

Vorgehen und Verhalten

Wie sollten Sie bei der Sensibilisierung vorgehen? Leider kann ein Bewusstsein für Kommunikationsbarrieren nicht vorausgesetzt werden. Versuchen Sie sich daher in Ihr Gegenüber hinein zu versetzen und gehen Sie aktiv auf Gesprächspartnerinnen und -partner zu. Versuchen Sie, Fragen und Unsicherheiten offen und verständnisvoll zu begegnen.

Wer sich passiv zurückzieht, verliert schnell den Anschluss. Übernehmen Sie die Verantwortung für die Kommunikation und reflektieren Sie Ihr eigenes Kommunikationsverhalten. Nur Sie wissen, was und wie viel Sie verstehen.
Machen Sie Ihre Bedürfnisse Ihren Lehrkräften, Mitstudierenden und vor allem auch sich selbst bewusst. Geben sie Hinweise, ob Sie Hilfe benötigen und wenn ja wie man Ihnen am besten helfen kann.
Und bieten Sie am besten gleich Problemlösungen an, anstatt Probleme nur zu thematisieren. Eine Behinderung sollte keine Legitimation dafür sein, „Forderungen" zu stellen. Holen Sie Feedback aktiv ein und nehmen Sie es an, damit zukünftige Kommunikationssituationen noch besser funktionieren.
Für viele Menschen ohne Sehbehinderung ist der Augenkontakt während eines Gesprächs wichtig, da ein Blick in eine andere Richtung die Aufmerksamkeit von sehenden Menschen in diese Richtung lenkt. Daher fällt es normal Sehenden leichter, sich auf ein Gespräch zu konzentrieren, wenn Menschen mit Blindheit ihr Gesicht auf die Sprechrichtung ausrichten.

Assistenzen für Studierende mit Sehschädigung

Zwei Personen sitzen vor einem Laptop, eine Frau zeigt der anderen ein DokumentSollten Sie mit einer Studienassistenz arbeiten, ist es wichtig, dass Sie eine Einführung hinsichtlich ihrer Aufgaben erhält und einen Eindruck gewinnt, wie sie sich die Zusammenarbeit generell vorstellen. Die Arbeit einer Studienassistenz soll sicherstellen, dass Sie die gleichen Informationen erhalten wie Ihre Mitstudierenden.

Aufgaben einer Studienassistenz

Bei Studierenden mit Blindheit oder hochgradiger Sehbehinderung ist die Hauptaufgabe einer Studienassistenz die Umsetzung von Literatur in ein barrierefreies Format, Hilfe beim Recherchieren für vorlesungsrelevante Fächer, das Formatierung von Präsentationen oder auch Hilfestellungen im Labor, das Abtippen von Texten eben bei allem, was für das Studium notwendig ist. Am Anfang des Studiums kann es auch notwendig sein, dass man zu einem Vorlesungsraum gebracht wird, bis der Weg bekannt ist.
Zu Beginn der Zusammenarbeit ist es für eine Studienassistenz wichtig, dass Sie sich gemeinsam an die Themen heranarbeiten, die für das studentische Leben mit Behinderung zentral sind: die Orientierung auf dem Campus, die Umsetzung von Dokumenten, das Surfen im Internet und Hilfen im studentischen Alltag.

Funktion einer Studienassistenz

Machen Sie sich klar, dass es ein Unterschied ist, ob Sie inhaltlich in einem Team arbeiten wie zum Beispiel in einem Tutorium mit Mitstudierenden oder ob sie mit einer Studienassistenz zusammen arbeiten. Eine Studienassistenz ist dazu da, Sie bei der Arbeit zu unterstützen und Aufgaben zu übernehmen, die Sie aufgrund Ihrer Sehschädigung nicht erledigen können. Für die Erarbeitung von Inhalten sind Sie selbst verantwortlich und nicht die Studienassistenz. Machen Sie sich und Ihrer Studienassistenz deutlich, wie wichtig die Rolle einer Studienassistenz für Sie ist. Sollten Sie den Eindruck haben, dass die Studienassistenz inhaltliche Arbeiten übernehmen möchte, dann sollten Sie möglichst respektvoll dies ablehnen, da dies für Ihr Studium nichts nützt.
Wichtig ist auch, dass Ihre Assistenz keine „Vermittler-Funktion" bei dem Kontakt zu Dozentinnen und Dozenten oder Mitstudierenden übernimmt. Sonst kann es passieren, dass nur die Studienassistenz angesprochen wird und es zu einer komplexen Kommunikationssituation kommt. Wenn Sie zusammen mit einer Studienassistenz bei einer Dozentin oder einem Dozenten auftreten, sprechen Sie vorher mit der Studienassistenz, an welchen Stellen Sie Hilfe benötigen.

Organisation der Arbeiten

Während des Studiums erhalten Sie sehr viele Unterlagen. Vermutlich ist auch die Arbeitszeit der Studienassistenz begrenzt. Daher sollten Sie mit ihr klären, welche Aufgaben für Sie am wichtigsten sind. Beispielsweise müssen in manchen Übungen, Lösungen von Aufgaben zu einem bestimmten Zeitpunkt abgegeben werden. Diese sollten dann Vorrang haben. Versuchen Sie, einen Überblick über die verschiedenen Aufgaben zu behalten, damit Sie die Arbeitskraft Ihrer Studienassistenz möglichst effizient nutzen.

Unterstützung von Studierenden mit hochgradiger Sehbehinderung

Zeigen Sie Ihrer Studienassistenz, wie Sie arbeiten - mit Sprachausgabe und/oder Vergrößerungssoftware. In manchen Vorlesungen werden Tafelaufschriebe gemacht. Da dies meist sehr schnell geht, kann eine Studienassistenz den Aufschrieb nicht abtippen. Eine Möglichkeit wäre, dass Ihre Studienassistenz den Tafelaufschrieb abfotografiert und danach abtippt.

Unterstützung von Studierenden mit Blindheit

Sie sollten Ihrer Studienassistenz zeigen, wie man eine blinde Person richtig führt, wie Treppen, Hindernisse oder ähnliches richtig angesagt werden.
Zeigen Sie ihr auch, wie man Dokumente barrierefrei macht. Dabei sollten Sie folgende Themen ansprechen:

  1. Wie werden Strukturen mit Formatvorlagen hinterlegt.
  2. Wie beschreibt man kurz und prägnant Grafiken.
  3. Wie können Grafiken in taktile Grafiken umgesetzt werden (falls Sie Zugang zu einem entsprechenden taktilen Drucker haben).

Meist ist es für eine Studienassistenz hilfreich, wenn sie sieht, wie Sie mit Dokumenten arbeiten oder sich im Internet bewegen. Dies hilft ihr ein Verständnis dafür zu entwickeln, wo eventuell Barrieren auftauchen könnten.
Wenn Sie im Internet surfen und Sie sehende Hilfe brauchen, dann ist es gut, wenn Sie dieselben Bezeichnungen verwenden, damit Sie sowohl Sie als auch die Assistenz möglichst rasch verstehen, was Sie beide mit und ohne Sehsinn wahrnehmen und warum etwas nicht so funktioniert, wie Sie es möchten. Führen Sie Begriffe wie virtueller Cursor, Tastaturfokus (Elemente, die alternativ über die Tab-Taste ausgewählt werden können z.B. Links, Eingabefelder, Schalter, Listeneinträge), Bedienelemente, Eingabefeld, Navigationleiste usw. ein, um besser gleichberechtigt kommunizieren zu können.

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Ein Studium führt immer wieder zu Begegnungen mit neuen Menschen. Viele dieser Menschen sind unerfahren im Umgang mit Studierenden mit Behinderung und wissen nicht, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten sollen. Um diese Unsicherheiten abzubauen, ist es notwendig, bezüglich der Behinderung zu sensibilisieren. Denn es geht nicht nur darum, das Verhalten der Anderen vielleicht zu verändern, sondern auch darum, die eigenen Erwartungen zu hinterfragen.