Sensibilisierung

Ein Studium führt immer wieder zu Begegnungen mit neuen Menschen. Viele dieser Menschen sind unerfahren im Umgang mit Studierenden mit Behinderung und wissen nicht, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten sollen. Um diese Unsicherheiten abzubauen, ist es notwendig, bezüglich der Behinderung zu sensibilisieren. Dabei ist es hilfreich, nicht nur das Verhalten der Anderen zu ändern, sondern auch die eigenen Erwartungen zu hinterfragen.

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Ziele der Sensibilisierung

Ziel der Sensibilisierung ist es, Unwissen über die Behinderung abzubauen, aufzuklären und ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Gerade wenn eine Behinderung nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist, ist Sensibilisierung wichtig, um Barrieren abzubauen und ein funktionierendes Miteinander sicherzustellen.

Im Studium ist die Sensibilisierung wichtig für den reibungslosen Studienalltag. Ob beim Austausch mit anderen Studierenden oder Lehrkräften, bei Gruppenarbeiten, beim Lernmaterial oder in Vortragssituationen, immer gibt es besondere Anforderungen. Dabei ist es egal, ob es sich um Situationen mit oder ohne Studienassistenten [Artikellink zum Thema „Arbeitsassistenz“ wird ergänzt] handelt: Durch sensibilisierte Mitmenschen lassen sich Missverständnisse vermeiden.

Spezielle Tipps zur Sensibilisierung Ihrer Professorinnen, Professoren und weiterer Lehrkräfte haben wir hier [Artikellink zum Thema „Sensibilisierung von Lehrkräften“ wird ergänzt] für Sie zusammengestellt.

Aufklären über eine Hörbehinderung

Zu einer guten Sensibilisierung gehört zunächst eine Aufklärung über die eigene Behinderung. Sind Sie gehörlos oder schwerhörig? Nutzen Sie bevorzugt die Gebärden- oder die Lautsprache? Je nachdem sind andere Maßnahmen erforderlich. Die wichtigsten Hintergrundinformationen finden Sie in den folgenden Abschnitten und auf gebardensprache.de.

Gebärdensprache

Die größte Barriere für Menschen mit einer Hörbehinderung ist die Kommunikation. Die Sprache vieler hörbehinderter Menschen, vor allem Gehörloser, ist die Gebärdensprache.

Die Gebärdensprache ist eine eigenständige, vollwertige Sprache mit gleichem Leistungs- und Ausdrucksvermögen wie andere Sprachen. Neben den Gebärden spielen auch Mimik und Gestik eine wichtige Rolle. Gebärdensprache ist dabei nicht international, sondern hat sich in den einzelnen Ländern individuell, mit eigenen Redewendungen und Dialekten, entwickelt. Die Deutsche Gebärdensprache ist erst seit dem 1. Mai 2002 als Minderheitensprache gesetzlich anerkannt. Dabei ist die Gebärdensprache schon viel älter.

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Die späte Anerkennung der Gebärdensprache hat zu vielen Problemen geführt, die sich bis heute, vor allem in der Bildung Gehörloser, auswirken. Da in Bildungseinrichtungen für Hörbehinderte bis zur gesetzlichen Anerkennung der Gebärdensprache vor allem auf die Lautsprache zur Vermittlung von Unterrichtsinhalten gesetzt wurde, hatten viele Gehörlose Schwierigkeiten, diesen zu folgen. Beim Lippenlesen gehen gut 70 Prozent der Informationen verloren. Das führte zu einem niedrigeren Bildungsniveau unter Gehörlosen.

Gehörlose haben zudem zusätzlich Probleme beim Schriftspracherwerb. Während die Schriftsprache eine direkte Abbildung der Lautsprache ist, gibt es keinen direkten Zusammenhang zur Gebärdensprache. Geschriebene Worte müssen quasi auswendig gelernt werden. Daraus ergibt sich eine oftmals niedrige Schriftsprachkompetenz Gehörloser.

Gehörlosenkultur

Diese Barrieren haben dazu geführt, dass sich eine Parallelkultur, die sogenannte „Gehörlosenkultur“ entwickelt hat. Diese grenzt sich zum Teil deutlich von der Kultur der Hörenden aus demselben Land ab und weist eher Parallelen zu Gehörlosenkulturen anderer Länder auf.

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Ob Sprache, Sport, Kunst oder Medien, die Bereiche der Gehörlosenkultur sind vielfältig. Da es keine Verschriftlichung der Gebärdensprache gibt, ist die Gehörlosenkultur eine sogenannte „nonliterale“ Kultur. Informationen werden nicht schriftlich bewahrt, sondern im direkten Austausch unter den Mitgliedern der Kulturgemeinschaft verbreitet.

Zudem haben sich besondere Verhaltensmuster etabliert: so neigen Gehörlose beispielsweise dazu, in der Kommunikation sehr direkt zu sein.

Missverständnisse im Alltag

Machen Sie diese Unterschiede Ihren Lehrkräften, Mitstudierenden und vor allem auch sich selbst bewusst. So können unangenehme Situationen vermieden werden. Forderungen, die für Sie selbstverständlich sind, könnten von Menschen ohne Bewusstsein für die Gehörlosenkultur als unhöflich empfunden werden. Die Gründe für Forderungen wie „Du schreibst für mich“, weil Sie nicht parallel dem Dolmetschen folgen und mitschreiben können oder „ich sitze vorne, du musst nach hinten“, weil Sie ansonsten die Dolmetschenden nicht gut sehen können, erschließen sich Ihren Mitstudierenden oft nicht direkt.

Neben Missverständnissen aufgrund kultureller Unterschiede gibt es weitere Situationen, für die Hörende meist kein Bewusstsein entwickelt haben. Bitten Sie zum Beispiel um Feedback, wenn Sie vermeiden wollen, dass unbewusst produzierte Geräusche beim Essen oder Trinken negativ auffallen.

Vorgehen und Verhalten

Wie sollten Sie bei der Sensibilisierung vorgehen? Leider kann ein Bewusstsein für Kommunikationsbarrieren nicht vorausgesetzt werden. Versuchen Sie sich daher in Ihr Gegenüber hineinzuversetzen. Versuchen Sie, Fragen und Unsicherheiten offen und verständnisvoll zu begegnen.

Gehen Sie aktiv auf mögliche Gesprächspartnerinnen und -partner zu. Wer sich passiv zurückzieht, verliert schnell den Anschluss. Übernehmen Sie die Verantwortung für die Kommunikation und reflektieren Sie Ihr eigenes Kommunikationsverhalten. Nur Sie wissen, was und wie viel Sie verstehen. Bieten Sie am besten gleich Problemlösungen an, anstatt Probleme nur zu thematisieren. Eine Behinderung sollte keine Legitimation dafür sein, „Forderungen“ zu stellen. Holen Sie Feedback aktiv ein und nehmen Sie es an, damit zukünftige Kommunikationssituationen noch besser funktionieren.

Kommunikation ohne Assistenzen

Gehörlose und schwerhörige Gebärdensprachnutzende sind für eine funktionierende Kommunikation auf Kommunikationsassistenzen wie Dolmetscherinnen und Dolmetscher angewiesen. Leider stehen diese in manchen Situationen nicht zur Verfügung. In diesem Fall können sich Hörende an bestimmte Kommunikationsregeln halten, um eine gute Verständigung zu unterstützen.

Diese sollten deutlich, aber nicht übertrieben und in normaler Geschwindigkeit sprechen. Geben Sie dem Lautsprechenden Feedback, ob er etwas an seiner Aussprache verbessern kann. Achten Sie auf eine gute Beleuchtung und vermeiden Sie Gegenlicht, um ein gutes Erkennen von Mundbild und Mimik sicherzustellen. Im Notfall können Sie die Kommunikation auch durch Notizen mit Papier und Stift oder auf dem Handy unterstützen.

Kommunikation mit persönlichen Assistenzen für Gehörlose

Eine hundertprozentige Kommunikationssicherung kann bei gehörlosen Menschen nur durch den Einsatz von Kommunikationsassistenzen [Artikellink zum Thema „Arbeitsassistenz“ wird ergänzt] erreicht werden. Da die Kommunikationssituation mit Dolmetschenden für viele unbekannt ist, gilt es auch hier, die Kommunikationsbeteiligten vorzubereiten.

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Der Dolmetschende ist dazu da, die Kommunikation in eine andere Sprache zu übersetzen. Sie bleiben der Ansprechpartner! Anweisungen an die Dolmetscher wie „Sagen Sie bitte Frau Müller, dass…“ sollten vermieden werden. Da Dolmetschen eine hohe Konzentration erfordert, ist ein leichter Zeitversatz zwischen Gesagtem und Gedolmetschtem üblich. Ein Dolmetschender kann nur eine Person auf einmal übersetzen. Daher ist es wichtig, dass Gespräche geordnet ablaufen. Diskussionen mit mehreren Beteiligten sollten moderiert werden.

Informieren Sie Ihre Lehrkräfte darüber, dass Dolmetschende Materialien wie Präsentationen, Vorlesungsskripte etc. frühzeitig zur Vorbereitung benötigen. Nur so kann eine flüssige Übersetzung von komplexen Inhalten und Fachvokabeln sichergestellt werden.

Klären Sie darüber auf, dass die Übersetzung der Dolmetschenden, gerade bei schwierigen Gesprächskonstellationen, von Ihren gebärdensprachlichen Äußerungen abweichen kann. Je nach Qualität der Übersetzung kann es zu ungenauen Formulierungen kommen, bei denen Informationen verloren gehen. Bisweilen kann es gar vorkommen, dass die Übersetzung den Sinn einer Aussage entstellt und es dadurch zu Missverständnissen kommt. Durch gelegentliches Nachfragen und Rekapitulieren können Sie vermeiden, dass diese Kommunikationsfehler belastend werden. Ermutigen Sie die Kommunikationsbeteiligten dazu, bei Unklarheiten direkt nachzuhaken.

Kommunikation mit technischen Assistenzen für Schwerhörige

Schwerhörige, die keine persönlichen Kommunikationsassistenzen nutzen, greifen meist auf technische Hilfsmittel zurück. Auch in diesem Fall müssen sie Mitstudierende und Lehrkräfte sensibilisieren. Wenn Sie sich als schwerhöriger Mensch nicht persönlich an die Mitstudierenden wenden wollen, bitten Sie die Lehrkraft darum, die besonderen Kommunikationsregeln am Anfang einer Veranstaltung an Ihre Mitstudierenden weiterzugeben.

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So muss beispielsweise bei der Nutzung einer Microportanlage in Diskussionen oftmals ein Mikrofon herumgereicht werden. Erklären Sie zu Beginn, warum dies wichtig für Sie ist. Neben der technischen Unterstützung sollten Sie erläutern, welche Regeln für eine gute Kommunikation eingehalten werden müssen. So ist in Veranstaltungen Ruhe geboten und störende Schallquellen sind zu vermeiden. In direkten Gesprächen sollten Sie die Kommunikationsbeteiligten darauf aufmerksam machen, dass diese nicht mit dem Rücken zur Sonne oder zum Fenster stehen sollten. Durch gute Lichtverhältnisse können Sie das Mundbild und die Mimik des Sprechenden besser erkennen und Ihr Verstehen verbessern.